Bingo! Provokation geglückt…
Geschrieben von Matthias Dreisigacker in Kolumnen - 267 KlicksDie Rheinpfalz-Kolumne vom 9. Februar 2010
In der heutigen Zeit ist es so, daß es Ausbildung und Beruf mit sich bringen, seine Heimat verlassen und sich weit weg von den gewohnten Maultaschen und Dambedeis niederlassen zu müssen. Berlin, Köln, München – in vielen Städten leben heute viele Badener. Nur nicht in Hamburg. So scheint es zumindest, wenn ich an das vergangene Wochenende an der Elbe zurückdenke. Im gesamten Stadtgebiet waren die Bürgersteige von einer zentimeterdicken Eisschicht gepanzert, die zudem spiegelglatt war. Mag es einen am Oberrhein zwar oft zur Weißglut treiben, wenn der pflichtbewußte Nachbar am Sonntagmorgen schon um 6 Uhr die Gehwege mit mehr Lärm als Talent von Schnee und Eis zu befreien beginnt, so lernt man solchen Eifer nach nur 3 Tagen in der Fremde wert zu schätzen. Es ist nur zu hoffen, daß sich das Verletzungspech der KSC-Profis nun nicht auch noch auf die rund 1.700 mitgereisten Fans übertragen hat und alle heil nach Hause gekommen sind.
Die Pure Lust auf Provokation …
Obwohl – es gibt scheinbar so einige, denen ein satter Überschlag mit wuchtiger Landung auf dem Hinterkopf mal so richtig gut getan hätte. Denn im Gästeblock hatten einige mitgereiste Schlachtenbummler – hier paßt dieses Wort auch heute noch – nichts Besseres zu tun, als kurz ein Transparent mit einer nur als dumm zu bezeichnenden Aufschrift in die eiskalte Höhe zu stemmen. Hierbei positionierte man sich mittels Verwendung der Vereinsfarben des FC St. Pauli als politisch weitab der rechten Seitenlinie. Selbstverständlich wäre es hanebüchen, Supporters und KSC-Fans allgemein als inhaltlich hinter solchen Sprüchen stehend zu verorten. Denn die KSC-Fans und ihr Dachverband – eben die Supporters – haben im vergangenen Jahrzehnt viel dafür getan, den Block zu entpolitisieren. Über diesen Erfolg herrscht längst Konsens. Ebenso ist davon auszugehen, daß die verursachenden Herrschaften weniger von einer politischen Manifestierung, sondern mehr von der puren Lust auf Provokation geleitet waren. Bingo, dies sei hier zugegeben, das hat denn auch funktioniert. Denn der antifaschistische Reflex ist heutzutage nicht mehr alleine das Privileg vermeintlich lichtscheuer Gestalten mit bunten Haaren und schwarzer Kleidung, sondern er ist auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gott sei Dank, das war schon einmal anders. Trotzdem wäre es nett, wenn sich KSC-Fans nicht – wie am Millerntor geschehen – bedroht fühlen würden und angewidert aus dem Block entfernen müßten, weil sie eine derartige Unterstützung ihres Vereins nicht mehr ertragen können.
… und Distanzierung
Solche Fluchtreflexe trägt mittlerweile auch so mancher Verantwortungsträger zur Schau und bezieht sich nicht auf mindestens 65 Jahre zurückliegende Ereignisse oder Personen, sondern auf solche von noch vor ein paar Monaten. Hier heißen die Schuldigen Rolf Dohmen und Edmund Becker, weil sie deren Nachfolgern eine den Ansprüchen nur so wenig genügende Truppe hinterlassen hätten. Der gemeine Betrachter erfaßte diese Situation jedoch schon im August und empfindet diese Verlautbarungen gewiß nicht als Überraschung. Im Gegenteil fragt er sich, weshalb er für seinen Experten- und Wissensvorsprung nicht ebenso gut bezahlt wird wie ein Vereinsangestellter. Tags darauf auf die Außenwirkung der jetzigen KSC-Mannschaft angesprochen, umspielte die Lippen des ehemaligen KSC- und heutigen St. Pauli-Verteidigers Carsten Rothenbach ein sanftes Lächeln. Zu keinem Zeitpunkt des Spiels am Freitag sei ihm und seinen Mannschaftskameraden auch nur der Gedanke gekommen, daß man gegen den KSC Punkte verlieren könne. Viel zu spielerisch sei dieser die Begegnung angegangen und fehlten ihm die „Brocken“, die sich ihrer Aggressivität und Leidenschaft in den Weg gestellt hätten. Er schloß mit dem Fazit; daß man in dieser Spielklasse so nicht bestehen kann. Der KSC-Fan weiß schon lange, daß sein Klub in der falschen Liga spielt. Aber fragen, in welche er denn momentan gehöre, mochte er diesen Experten lieber nicht.
Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.





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