Da die Auswärtsfahrten mit dem KSC zur Zeit recht freudlos werden können, ist man natürlich darum bemüht, diese Reisen noch mit anderen Terminen zu verknüpfen. Denn auf diese Weise ist die Chance größer, nach der Heimkehr auf gewinnbringende Erlebnisse zurückblicken zu können. Also kombinierten wir das Spiel in Düsseldorf mit Besuchen bei zwei ehemaligen Spielern des KSC. Wir begannen in Köln-Neubrück bei Reinhold Wischnowsky, der zwischen 1958 und 1966 rund 150 Wettbewerbsspiele für den KSC bestritten und hierbei 34 Tore erzielt hatte. Der gelernte Bergmann erinnerte sich sichtlich gerührt an seine Karlsruher Zeit. Beim Rückblick auf seinen nicht ganz freiwilligen Abschied von den Blau-Weißen wurde es gar so emotional, daß wir kurz unterbrechen mußten. Daß sich heutige Aktive von ihren Gefühlen ebenso mitreißen lassen, darf bezweifelt werden.

Auch unser zweiter Gesprächspartner, den wir im Verlauf des Nachmittags erreichten, schwärmte von seiner Zeit im Badischen. Es war Horst Buhtz, der von 1950 bis 52 zwei Jahre lang das Trikot des KSC-Vorgängervereins VfB Mühlburg getragen hatte und heute in Langenfeld lebt. Der begnadete Techniker hatte seinerzeit das Pech, in der Nationalmannschaft einen Fritz Walter vor sich zu haben. Nur ein B-Länderspiel steht daher in seiner Fußballer-Vita. Immerhin erleichterte ihm diese Tatsache aber die Entscheidung, nach Ludwig Janda als zweiter deutscher Vertragsspieler ins Ausland – zum AC Turin – zu wechseln. Buhtz wird den meisten allerdings wohl eher als ein früher „Friedhelm Funkel“ in Erinnerung geblieben sein. Denn er selbst blickt zwischen 1964 und 1979 auf immerhin fünf Bundesligaaufstiege mit von ihm trainierten Mannschaften zurück: Borussia Neunkirchen (1964), Wuppertaler SV (1971), Borussia Dortmund (1976), 1. FC Nürnberg (1978) und Bayer 05 Uerdingen (1979). Obwohl er sowohl beim BVB (1 Woche) als auch beim Club (2 Wochen) kurz vor den entscheidenden Aufstiegsspielen hatte gehen müssen, läßt er sich „seine“ Aufstiege mit den beiden Vereinen noch heute nicht nehmen. Denn schließlich hatte er sie ja auf den Weg gebracht. Doch alles nicht genug aus seiner aufregendem Leben – 1974 trainierte er als erster deutscher Trainer sogar in der Türkei, bei Besiktas Istanbul. Und wurde prompt Pokalsieger.

Ein weiter Weg war umsonst

Nach dem durch anregende Gespräche verspäteten Aufbruch in Langenfeld ging es schließlich weiter nach Düsseldorf. Aufgrund der Verkehrssituation erreichten wir die „Esprit-Arena“ leider erst kurz nach Beginn der 2. Halbzeit. Endlich am Gästeblock angekommen wurde uns von den rund zehn gemütlich herumstehenden Ordnern dann leider beschieden, daß es hier keine Karten mehr zu kaufen gäbe und wir wieder zum Haupteingang zurückmüßten. Nach einem erneut mehrminütigen Fußmarsch dort angelangt, erlebten wir Erstaunliches. Denn auch hier wurden keine Karten mehr angeboten. Und natürlich gäbe es keine Möglichkeit, ohne eine solche in die Arena zu gelangen. Bereits reichlich entrüstet fragten wir, ob wir denn zumindest nach Spielende hinein dürften, um uns mit dort befindlichen Freunden zu treffen und noch ein Bier zu trinken. „Nein, natürlich nicht!“ lautete hierauf die uns endgültig fassungslos machende Antwort. Wir waren zu diesem Zeitpunkt übrigens nicht die einzigen Karlsruher Besucher gewesen, die es nicht zeitig geschafft hatten und nun vor verschlossenen Schranken standen.

Wenn ein Spiel um 18 Uhr beginnt

Uns selbst disziplinierend machten wir uns sofort auf den Heimweg, um nicht Gefahr zu laufen, uns gehen zu lassen und wegen verbaler Ausschreitungen alsbald in die berüchtigte Datei „Gewalttäter Sport“ zu gelangen. Zu unverständlich war uns die Situation, um nicht stark verärgert von dannen zu ziehen. Zumal rund um das Stadion zahlreiche Sicherheitskräfte und Ordner postiert waren, die einen ahnen ließen, daß die geschlossenen Kassenhäuschen nichts mit Personalmangel zu tun haben könnten. Hierbei aber keine Kritik am Einlaßpersonal, dem durch das automatisierte Einlaßsystem (Scan) die Hände gebunden waren und uns selbst mit viel gutem Willen nicht hätten weiterhelfen können.

Es bleibt nur noch Zynismus

Als Resümee bleibt dem Betrachter nur reichlich Zynismus. Denn wenn man schon Fußballspiele an einem Freitag um 18 Uhr beginnen läßt, dann muß man auch damit rechnen, daß von weit her anreisende Besucher es womöglich nicht zeitig schaffen könnten. Entgegen mancher Vermutungen sind noch nicht alle Menschen in diesem Land Beschäftigungslose, die sich ihre Werktage frei einteilen können. Und gerade im Westen sollte man um die Verkehrsprobleme wissen, welche einen Zeitplan gehörig durcheinander wirbeln können. Nun hatten wir schon einen erfüllten Tag gehabt, der uns die lange Fahrt nicht umsonst hatte machen lassen. Andere aber hatten dieses Glück nicht gehabt. Es mag zwar so mancher über die mitunter aus der Zeit gefallenen Strukturen im heimischen Wildpark spotten – aber angesichts der zunehmenden, häufig bizarren Erlebnisse in den durchorganisierten Fußball-Spaß-Palästen der Arenen-Ära sollte man das „Menscheln“ im Hardtwald hoch schätzen. Denn eines Tages wird man es schmerzlich vermissen.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


2 Antworten zu “Eine Reise nach Düsseldorf”
  1. Alfred E. Neumann sagt:

    Sehr geehrter Herr Dreisigacker,

    war es nötig, bei diesem Beitrag einen Seitenhieb auf die zumeist an ihrer Situation schuldlosen Arbeitsuchenden loszuwerden?

    Gerade die Langzeitarbeitslosen, die von ALG II (neudeutsch: Hartz IV) leben müssen, können sich den Besuch eines 2. Liga-Spiels, egal ab es um 13:00, 18:00 oder 20:30 Uhr angepfiffen wird ohnehin nicht leisten und müssen ihre Informationen aus dem Net beziehen und dann so eine “schriftstellerische Entgleisung” hinnehmen!!!

  2. Hallo Herr Neumann.
    Aufgrund Ihres Namens sehe ich zunächst einmal mit Freude, daß es noch Fans des guten alten Mad-Magazins gibt!

    Aber zu Ihrer Kritik. Es lag mir völlig fern, Arbeitssuchende in irgendeiner Form zu beleidigen oder für eine billige Pointe zu mißbrauchen. Sehen Sie mir bitte nach, daß eine Kolumne eben auch von Zuspitzungen lebt.

    Ich teile im übrigen voll und ganz Ihre Beobachtung, daß es in diesem Land leider immer mehr Menschen gibt, die sich den Besuch eines Bundesligaspiels nicht mehr leisten können. Dies Entwicklung ist auch nicht ganz zufällig, da der heutige Fußball auf Zuschauer angewiesen ist, die kräftig konsumieren können und wollen. Zudem war und ist die Hochpreispolitik z.B. in England ein wichtiger Teil der Strategie, vermeintlich sozial auffälligere und schwache Elemente aus den Stadien zu vertreiben, da sie das Bild des vermeintlichen “Hochglanzproduktes Fußball” stören könnten.

    Als ich die Erwerblosen in diesem Sinnzusammenhang erwähnte, war es eben gerade auch kritisch gemeint, wie wenig sich die DFL mit den Bedürfnissen des ins Stadion gehenden Fußballfans auseinandersetzt und überhaupt bereit ist, ihm entgegenzukommen. Daß der Volkssport Fußball, wie wir ihn kannten und mit ihm aufgewachsen sind, in vielerlei Hinsicht unter diesen Auswüchsen leidet und Schaden nimmt, ist sehr traurig.

    Herzlichen Dank für Ihre Kritik, die mir helfen wird, meine Worte künftig noch aufmerksamer zu überdenken, um nicht gerade das Gegenteil dessen zu erreichen, was eigentlich gedacht war.

    In diesem Sinne herzliche Grüße,

    Matthias Dreisigacker

  3.  
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