Auch nach der Winterpause, in der der KSC die Fehlentscheidungen und -entwicklungen des vergangenen Jahres taktisch, innerbetrieblich und personell hatte korrigieren wollen, scheint die Talfahrt des Vereins nicht aufzuhalten zu sein. Dabei hatten die Spiele gegen den SV Wehen-Wiesbaden und den VfL Bochum ursprünglich sportlich wie wirtschaftlich richtungsweisende Bedeutung besessen. Nun aber wäre es naheliegend festzustellen, daß der Verein – also Management, Trainer und Mannschaft – keinen Schritt weitergekommen scheinen und schon bald der Zeitpunkt gekommen sein könnte, das Unterste nach oben zu kehren und in der Bestandsaufnahme nichts auszulassen.

Im Stich gelassen

Hierbei muß berücksichtigt werden, daß der KSC die Konkurrenz in der Bundesliga mit nur sehr bescheidenen Mittel bestreitet und man daher auf seltene Erfolgserlebnisse vorbereitet sein muß – alles muß passen, um wettbewerbsfähig zu sein. Auch ist es befremdlich, welche Erwartungen viele Fans mit sich herumtragen und davon ausgehen, daß ihr Verein trotzdem ein ebenso buntes wie belebendes Element der Bundesliga sein muß. Man mag das Wehen-Spiel sehen wie man möchte, aber ebenso erschreckend wie die Niederlage war die spärliche Resonanz des Publikums, das seinen Verein in diesem wichtigen Spiel im Stich gelassen hat und zuhause geblieben ist. Auch und gerade ist es eine Erwähnung wert, daß um des KSC Willen nur 14.000 Leute ins Stadion kommen, während die anderen Zuschauer erst wieder bei Kalibern wie Schalke, Stuttgart oder Bremen zu den größten KSC-Fans aller Zeiten mutieren. Sicher – der KSC spielt ohne wenn und aber eine enttäuschende Saison. Aber bis zu diesem Pokalspiel hatte er sich nicht hängen lassen und stets das Beste zu geben versucht.

Nichts Verwertbares

Dass dies gegen den SV Wehen-Wiesbaden nun nicht mehr der Fall war, bedeutet sicherlich eine Zäsur in der Beziehung der Fans zu ihrem Verein. Die Menschen im Stadion und vor den Fernsehgeräten waren ebenso fassungslos wie entsetzt, wie sich eine Mannschaft derart präsentieren kann. Am Spielfeldrand saß die – angesichts der Temperaturen fast bis zur Bewegungslosigkeit dick eingepackte – 79jährige  Karlsruher Fotografen-Legende Heini Seith („Reporta“) und war erbost, Mitte der zweiten Halbzeit noch keinen einzigen verwertbaren Zweikampf im Kasten zu haben. Auch seine Kollegen waren ob des Dargebotenen erschüttert und konstatierten, so etwas Fürchterliches schon lange nicht mehr gesehen zu haben. Gespenstisch dann die Atmosphäre in der Pressekonferenz, in deren Zentrum ein geschlagener Edmund Becker saß und den Journalisten als Erklärung nur die Worthülsen der vergangenen Monate anzubieten hatte. „Fehlende Aggressivität“, „Chancenverwertung“, „Enttäuschung“… Alle Anwesenden waren sich bewußt, an diesem Abend einer nicht erwarteten Selbstdemontage von Trainer und Spielern beigewohnt zu haben.

Außerhalb jeglicher Vorstellungskraft

Im Stadion war während des Spiels teils konsterniert und lethargisch, teils aggressiv reagiert worden und konnte zum Beispiel Vize-Präsidend Michael Steidl nur mit körperlichem Einsatz davon abgehalten werden, zornerfüllt die Spielerkabine zu stürmen. Die Zuschauer waren während des Spieles noch relativ ruhig geblieben, auch wenn Spieler – wie Antonio da Silva vor einem Eckball – wieder einmal ausgebuht worden und zahlreiche Aktionen auf dem Spielfeld von wütenden Aufschreien begleitet worden waren. Wahrscheinlich lag es fernab jeglicher Vorstellungskraft, daß bei Abpfiff des Schiedsrichters eine Niederlage des KSC stehen könnte. Als dem dann tatsächlich so war, brachen alle Dämme. Die sich der Kurve stellen wollenden Spieler sahen sich einer brüllenden Wand gegenüber und brachen den Dankesversuch schon nach wenigen Metern ab, um nicht möglicherweise in die Wurfweite von Gegenständen zu geraten oder einen Platzsturm der Anhänger auszulösen. Entsetzlich dann die Ausschreitungen hinter der Haupttribüne, die einen schwer verletzten Ordner zurückließen. Es ist zu hoffen, daß die hierfür verantwortlichen Gewalttäter nie wieder das Wildparkstadion betreten und von Fan-Seite aus auch keine falschverstandene Solidarität erwarten dürfen.

Zu viele Trümmer

Und auch wenn die Leistung beim VfL Bochum engagierter und konzentrierter war, hätte selbst ein Sieg nicht vermocht, all jene Trümmer beiseite zu schieben, die das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal verursacht hatte. Die Reaktion der ins ehemalige Ruhrstadion mitgereisten KSC-Fans auf den verbesserten Auftritt der unverdient Geschlagenen war ablehnend, Pfiffe und Buhrufe schlugen den Spielern entgegen. Zu erschütternd fällt die Bestandsaufnahme des Mittwochabends aus, als dass er sobald vergessen würde. Er fasste zusammen, was seit Monaten in der veröffentlichten Meinung zwar nicht repräsentiert worden, aber für jeden aufmerksamen Beobachter dennoch allzu offensichtlich war: Diese Mannschaft harmoniert nicht, ist nicht nur sportlich, sondern auch charakterlich unzulänglich zusammengestellt und Trainer Edmund Becker schafft es (noch) nicht konsequent genug, sich entscheidend von alten Erfolgs- und Gedankenmustern zu trennen. Es zählt zur Hybris vom mancher im Verein verantwortlichen Person, dass bei der Betrachtung der sportlichen Resultate der Schalter erst all zu spät umgelegt werden konnte. Ob es zu spät war, werden die verbleibenden sechzehn Spiele erweisen.

Gespenstisch

Gespenstisch wäre es allerdings erst dann gewesen, wenn man sich gegenüber den veränderten Realitäten weiterhin wahrnehmungsresistent gezeigt und nicht in der Lage gewesen wäre, hieraus die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Fast sah es so aus, weil man sich nicht daran erinnern konnte, einen solch dramatischer Niedergang jemals derart bagatellisierend und verharmlosend begleitet gesehen zu haben. Sollte diese Haltung die ganze Zeit nicht nur als Schutzpanzer gedient haben, um keine Unruhe um den Verein entstehen zu lassen und mediale Negativschlagzeilen vom Wildpark fern zu halten, dann wäre zumindest eine nachvollziehbare Strategie damit verbunden gewesen. Dass dem nicht so war, müssen Becker & Co. nun allerdings nachhaltig beweisen.

Sie lebt noch

Immerhin, wie eine sich aufgebende und ihrem Trainer nicht mehr folgende Mannschaft ist die KSC-Elf in Bochum jedenfalls nicht aufgetreten. Zudem verzichtete Becker auf seine zur Gewohnheit gewordenen Denksportaufgaben für Zuschauer und Journalisten, was er mit dieser Aufstellung oder jener Auswechslung denn nun eigentlich im Sinn gehabt habe. Und  auf dem Platz trat das Team zum wiederholten Male den Beweis an, dem Kontrahenten gewiß nicht unterlegen gewesen zu sein. Drpic kann etwas und der – wie gewohnt! – unauffällige Federico wird wohl solche Zuckerpässe wie auf Freis auch einmal mit einem Tor gekrönt sehen.

Abwarten – solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.


Die hier veröffentlichten Beiträge des Herausgebers Matthias Dreisigacker basieren auf den Kolumnen in der Zeitung Die Rheinpfalz, die dort in der Regel montags in der Rubrik 'An der Seitenlinie', veröffentlicht werden.
Hier werden sie am jeweils darauf folgenden Donnerstag freigestellt.


2 Antworten zu “Hybris und Gespenster”
  1. Charlie sagt:

    Matthias, Du sprichst mir aus der Seele! Wer tatsächlich große Sprünge a la Hoffenheim oder eine ähnliche Vorrunde wir in der letzten Saison erwartet hat, ist schlicht und einfach beim falschen Verein!

    Da ich seit 2 Spielzeiten versuche, ein wenig Stimmung und Kultur in die Haupttribüne zu bekommen (meistens leider vergeblich), kenne ich natürlich die üblichen Stimmen zum bisherigen Saisonverlauf. Sicherlich ist der äußerst enttäuschend. Keine Frage. Aber hey, wir sind beim KSC! Und der war schon immer ein Verein der Extreme.

    Ich vertraue auf die dicke Frau!!!

  2. Holger Lauinger sagt:

    dripic, engelhardt, federico uns saglik… der ksc hat ein neues rückrat.. wäre schön, wenn es nach der rückrunde so bleiben könnte… deshalb hat dohmen dripic jetzt gekauft, auch für liga 2…
    gratulation an den manager! ich glaube wieder an das team! auf, ihr helden!

  3.