Der 46-jährige Sportjournalist Jörg Dahlmann begann seine Laufbahn 1983 beim ZDF. Über die Stationen Sat. 1, TM 3 und Premiere fand er im Sommer 2004 den Weg zum DSF, wo der gebürtige Gelsenkirchener das Fußball-Magazin Bundesliga Aktuell, Hattrick – Die 2. Bundesliga sowie Bundesliga-Spiele am Sonntag kommentiert. Für seine Reportage über den Wechselfehler Otto Rehhagels wurde er 1999 vom Verband deutscher Sportjournalisten mit dem 1. Preis im Bereich Fernsehen ausgezeichnet.
Am 3.11.1993 kommentierte Dahlmann das UEFA-Cup-Rückspiel des KSC gegen den FC Valencia und grub sich mit seiner leidenschaftlichen Reportage in das Gedächtnis aller KSC-Fans und vieler Fußballfreunde in ganz Deutschland.
Herr Dahlmann, was ist für Sie „typisch KSC“?
Wenn ich an den KSC denke, dann leuchten mir erst einmal die Augen, da fühle ich einfach nur Freude. Das hängt natürlich mit den Erinnerungen an das Valencia-Spiel zusammen. Und es ist so, daß man als Reporter nicht überall freundlich empfangen wird, da ein Spielkommentar trotz aller Überparteilichkeit immer kontrovers aufgenommen werden kann. Aber in Karlsruhe spüre ich viel Sympathie. Das geht sogar soweit, als daß aus dem Fan-Block schon manches Mal „Jörg-Dahlmann-Gesänge“ kamen. Eigentlich völlig untypisch, aber sehr schön.
Mit welchen Erwartungen fuhren Sie damals zum Valencia-Spiel nach Karlsruhe?
„Der Drops ist gelutscht!“ – die Erwartungen waren allgemein natürlich etwas gedämpft. Klar, trotz des 1:3 aus dem Hinspiel wurde dem KSC noch eine kleine Chance eingeräumt, doch Valencia war zu jenem Zeitpunkt Tabellenführer der Priméra Division und die Chancen, gegen eine solche Spitzenmannschaft weiterzukommen, sehr gering.
Das Spiel entwickelte sich zunächst ja auch in diese Richtung. Es wird heute gerne vergessen, daß die Spanier zu Beginn zwei, drei große Chancen hatten und nur Oliver Kahn mit Weltklasse-Paraden das 0:1 verhinderte. Und es ist unstrittig, daß mit einem Gegentor die spätere Wucht, diese perfekte Welle nicht entstanden wäre.
Sie ließen sich vom damaligen Spielverlauf sehr mitreißen…
Es war ein verrücktes Gefühl! Ich hatte während der Reportage völlig vergessen, daß ich Reporter bin und war einfach nur noch normaler Zuschauer – ein Fan, der sich von der Woge, die durch das Stadion ging, mitreißen ließ. Ich hatte alle Sinne verloren, sodaß ich für einen Reporter auch völlig untypisch daherredete. Eigentlich so, als ob ich zu Hause bei Chips, Flips und einer Flasche Bier vor dem Fernseher gesessen wäre… Wobei ich – wichtig! – als Kommentator natürlich keinen Alkohol getrunken hatte. Ich war wie von Sinnen!
Hatten Sie Kontakt zur Senderegie?
Ja, natürlich, über Kopfhörer ist man mit der Senderegie im Ü-Wagen verbunden. Allerdings kann ich mich an den Austausch während des Spiels überhaupt nicht mehr erinnern.
Winfried Schäfer war für das Rückspiel gesperrt und auf die Tribüne verbannt worden – nicht weit von Ihnen.
Schäfer habe ich in der Nähe immer herumhüpfen sehen. Generell habe ich selten so viele Menschen auf einmal gesehen, die sich immer wieder die Hände an den Kopf legten und ob der unfassbaren Ereignisse nur noch mit dem Kopf schütteln konnten. Die Stimmung im Stadion war unglaublich, völlig ausgelassen. Und nach dem Spiel in den VIP-Räumen ging das Feiern weiter, an die „E-Viva-Espana-Gesänge“ kann ich mich noch sehr gut erinnern. Die Begeisterung war riesig. Das ging sogar so weit, daß Sat. 1 in der Halbzeitpause des Hauptspieles des damaligen Abends – der KSC hatte zuvor am späten Nachmittag gespielt – wieder live nach Karlsruhe schaltete, da bei Leverkusen gegen Panathinaikos Athen (1:2) eine solche Begräbnisstimmung herrschte.
Die Karlsruher Begeisterung wurde somit nach ganz Deutschland transportiert. Dieses Spiel hatte eine unheimliche Außenwirkung für den KSC und, ganz ehrlich, in Karlsruhe sollte der 3. November 1993 zum Feiertag gemacht werden! Ich kommentiere seit über zwanzig Jahren und werde in Lübeck, Dresden, Regensburg noch immer noch auf dieses Spiel angesprochen… Neben Rehhagels Wechselfehler und dem berühmten Okocha-Tor ist das damalige Spiel die bekannteste Reportage, die die Zuschauer mit meinem Namen und natürlich dem KSC verbinden.
War das Valencia-Spiel Ihre erste Reportage aus Karlsruhe?
Nein, zuvor war bereits Eindhoven. Ich war 1993/94 bei allen UEFA-Pokal-Spielen des KSC im Stadion, auch beim tragischen Ende gegen Austria Salzburg. Das erste KSC-Spiel, an das ich mich erinnern kann, war 1990 das 5:0 beim 1. FC Köln. Der junge Mehmet Scholl war eingewechselt worden und hatte sogar noch ein Tor erzielt. Also bin ich nach dem Spiel zu ihm hin, obwohl ich von ihm zuvor noch nichts gehört hatte und ihn überhaupt nicht kannte. Aber, na ja, „wenn der im ersten Spiel eingewechselt wird und gleich ein Tor erzielt, dann gehe ich halt mal dahin“. Er gab mir dann sein erstes Fernseh-Interview und sagte frech, „so wie ich jetzt meine Karriere begonnen habe, das erinnert mich an Michael Sternkopf!“. Sehr vorlaut, aber natürlich nicht ahnend, daß ihn seine Karriere später tatsächlich ebenfalls zu den Bayern führen würde.
Erwuchs aus dieser Zeit auch eine besondere Beziehung zum Verein?
Selbstverständlich, der KSC ist etwas besonderes für mich. Es ist unglaublich, aber wenn ich im Stadion bin, gewinnt der KSC immer oder beendet eine Niederlagenserie. Und wenn die Karlsruher Zuschauer oder Ordner mich sehen, dann sagen sie schon: „Ah, Herr Dahlmann, Sie sind heute da, dann kann ja nichts schiefgehen!“ Letzte Saison war ich zweimal Reporter beim KSC: Zum Spiel gegen Eintracht Frankfurt im Wildparkstadion (3:0) und, als der KSC gegen Ende böse in Abstiegsgefahr geraten war, beim so wichtigen Auswärtssieg in Trier (0:2). Da hatte der KSC mit Masmanidis und Saenko sogar noch zwei Leistungsträger aus dem Kader geworfen. Aber ich kommentierte und „zack“ – Sieg für den KSC! Also, es ist ein Zufall, eine eigentlich unfaßbare Geschichte, daß bei meinem Auftauchen Siege eingefahren werden.
Wie sehen Sie die Entwicklung des KSC seit jenem Abend im November 1993?
In den letzten Jahren gab es leider mehr Niederlagen als Siege, aber der große Fehler des KSC, bzw. des ehemaligen Präsidenten Roland Schmider, liegt noch weiter zurück. Es war die Entlassung Winfried Schäfers. Schmider, den ich ansonsten sehr schätze, hätte sich hierzu nicht hinreißen lassen dürfen. Schäfer stand für den KSC und trotz der großen Krise im Frühjahr 1998 hätte man die Situation mit ihm bewältigen müssen. Auch danach lief manches nicht sehr positiv, aber diese Entscheidung war bestimmt der größte Fehler der jüngeren KSC-Geschichte. Aber so ist es nun einmal im Sport. Es gibt keine Patentrezepte, da werden auch einmal Fehler begangen.
Für welchen Verein schlägt eigentlich Ihr Fußballer-Herz abseits des Mikrofons?
Als gebürtiger Gelsenkirchener natürlich für Schalke 04. Ich wuchs in der Nähe der Glückauf-Kampfbahn auf und radelte immer ins Stadion. Libuda, die Kremers-Zwillinge, die habe ich alle noch gesehen – eine tolle Mannschaft damals. Aber ich war auch immer Ruhrpott-Fan, hielt zu Dortmund, RWE und Bochum. Eigentlich völlig untypisch, da man ja z.B. entweder ein Schwarz-Gelber oder ein Blauer ist. Aber bei mir war es eben so. Ich spielte auch in einer Hobby-Mannschaft und obwohl fast alle Schalke-Anhänger waren, spielten wir in schwarz-gelben Trikots. Das zeigt, wir konnten mit dieser Rivalität leben.
In welches Stadion kommen Sie als Reporter gerne?
Hauptsache eng. Also Schalke, Dortmund, Hamburg oder Bochum, die ganzen Neubauten eigentlich. Beim KSC wurde es ja leider versäumt, ein reines Fußballstadion zu bauen – nach der neuen Haupttribüne hätte man den Umbau fortsetzen müssen. In der Stadionfrage hängt der KSC leider meilenweit hinter anderen Städten hinterher. Fast mittelalterlich, was da passiert. Karlsruhe täte ein enges Stadion gut, Finanzen hin oder her. Es tut sich im Moment ja etwas und das wünsche ich dem KSC auch. Das wäre super, wenn es klappt. Die alten Stadien, soviel Atmosphäre sie wie in Aachen oder Karlsruhe auch haben, sind einfach nicht die Zukunft.
Seit Beginn Ihrer Reporterkarriere hat sich das Fußballpublikum geändert. Gerade in den letzten Jahren ist der Trend zum Eventkunden deutlich geworden, es gibt aufwendige technische Installationen zur Stimmungserzeugung sowie Fahnenschwenker oder Einpeitscher. Wie bewerten Sie diese Veränderungen?
Natürlich hat sich das Drumherum stark verändert, gerade diese Einpeitscher. In manchen Spielen wird ja fast 90 Minuten Alarm gemacht. Als kleiner Junge kam ich auch heiser vom Stadion nach Hause und war froh, nicht mehr reden zu müssen, wenn um 18 Uhr die Sportschau losging. Damals fing einer an zu singen und die Menge stimmte langsam ein. Heute ist es mit Megaphonen schon sehr professionell, was ich aber auch gut finde. Die Gesänge sind variabler geworden, früher griff man allenfalls auf drei, vier Lieder zurück.
Was liegt Ihnen als Reporter im Moment am meisten am Herzen?
Wenn die Fangruppen „Scheiß DSF“ rufen, wie zuletzt am Tivoli gegen Eintracht Braunschweig. Das stört mich, obwohl ich die Fans dahingehend verstehe, daß Auswärtsfahrten schwieriger geworden sind. Gerade wenn man Dienstag früh wieder arbeiten muß. Aber die Vorteile überwiegen doch, da Zehntausenden von Fans die Möglichkeit geboten wird, ein Live-Spiel ihres Vereins kostenlos im Fernsehen zu verfolgen. Das am DSF auszulassen, halte ich für überzogen und unfair. Zumal das DSF viel für die öffentliche Wahrnehmung der 2. Bundesliga getan hat.





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